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Die Brutalität der Tradition

Seit 5 Monaten gibt es Strom in ihrem Dorf, die Strasse dahin war 2014 noch unbefestigt, sprich in der Regenzeit kaum passierbar. Gleichwohl liegt das Dorf nur wenige Kilometer hinter der Provinzhauptstadt Sen Monorom an einer wichtigen Durchgangsstrasse und kann nicht als besonders abgelegen gelten. Was hier allerdings geschah, ist nur schwer zu fassen und basiert zu wesentlichen Teilen auf traditionellem Aberglaube und man mag sich nicht vorstellen, was in noch abgelegeneren Gebieten alles heute noch geschieht. Auch wenn vielleicht nicht alle Details in ihrer Geschichte stimmen, bedrückend ist sie allemal.

Während des Mittagessens beginnt die rund dreissig jährige Frau mit den vielen Narben zu erzählen. Wiederum begeben wir uns in die Zeit des Bürgerkriegs um das Jahr 1990. Sie beginnt damit, dass sie keine Familie habe. Auf Nachfrage meint sie, dass ihre ganze Familie getötet worden sei, zuerst ihr Vater, 6 Monate später ihre Mutter und die drei Brüder. Über die Todesumstände ihres Vaters erfahren wir nichts, aber ihre Mutter war Hebamme gewesen. Eine gute Hebamme, wie sie betont. Doch einmal kam es zu Komplikationen und die Frau, die geboren hatte, starb 14 Tage nach der Geburt, vermutlich an einem Infekt.

Die Leute im Dorf glauten allerdings an einen schwarzen Zauber – gingen zur Hebamme und zerstückelten sie und ihre drei Söhne. Ich bin in der Regel recht hart im Nehmen solcher Geschichten, doch die Art wie sie dies erzählt treibt mir Tränen in die Augen. Als Folge davon flieht sie und verbringt die nächsten drei Jahre im Wald, klaut und überlebt irgendwie. Nach drei Jahren kriegt sie einen Infekt, dem auch ihre Narben geschuldet sein sollen und als sie einfach nicht mehr anders kann, begibt sie sich auf den Weg nach Sen Monorom, der Hauptstadt der Provinz, um dort Schutz bei einem entfernten Onkel zu suchen. Auf dem Weg dahin wird sie von einer Frau entdeckt, die sie als Achtjährige aufnimmt und sich um sie kümmert.

Sie bringt sie nach Sen Monorom ins Spital und später ins Waisenhaus und die junge Frau findet doch noch einen Weg ins Leben, kriegt auch dank „Göttis“ aus dem Ausland die Chance in Phnom Penh im Spital behandelt zu werden, Khmer, die Hauptsprache Kambodschas und englisch zu lernen.

Heute lebt sie wieder in ihrem Dorf – wenige Dutzend Meter entfernt von Menschen, die damals bei der Lynchjustiz dabei gewesen waren und deren Kinder sie nun zusammen mit so ziemlich allen Kindern im Dorf englisch unterrichtet.

Als „Verstümmelte“ und als Waise hatte sie kaum Chancen einen Mann zu heiraten, gleichwohl gelang es hier. Dass er sie schlug und sie ihn wieder verlässt, erstaunt hier nicht weiter. Denn in vielen traditionellen Communities sind es Familie, Geld und Schönheit, die über eine Ehe entscheiden. Als Waise mit sichtbaren Narben hat sie es deshalb besonders schwer.

Sie erzählt auch weitere traditionelle Geschichten. So weigern sich die Dorfbewohner ihre Elefantenkühe zu decken – da die dazu in Frage kommenden Bullen auf eine Art vermenschlicht werden, zu Geschwistern und Inzest nicht vorkommen dürfe. Und damit werden die Elefanten in ihrer Gegend wohl aussterben.

Oder sie erzählt von der Geschichte eines Mahuts, eines Führers eines Elefanten, der bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen ist. Dessen Familie hatte jahrelang für ein solides Haus gespart – und musste nun die Geister besänftigen. Und dazu gehörte auch das eben erst fertiggestellte Haus abzubrennen. Ein solcher Brauch mag Sinn gemacht haben vor wenigen Jahren, als der Hausbau wenige Tage benötigte und man nach dem Unfalltod eine neue Heimstatt baute, aber heute ist es nur noch absurd.

Der Aberglaube ist in ganz Südostasien mehr als weit verbreitet und ist definitiv auch ein Hinderungsgrund für die Entwicklung der Region. Von aussen erscheinen viele Bräuche sympathisch, doch sehen wir meist nicht, welches Elend solche Traditionen bewirken können.

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