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Heavy Metal im Paradies

Heute ist Ruhetag. Wohlverdient nach 10 Tage Reysen und vielen eindrücklichen Erlebnissen. Geweckt werde ich allerdings schon früh durch ein lautes Schnauben. Ein Grizzly? Gibt es die hier überhaupt? Dann wohl eher eine Kuh oder ein Pferd, wie sie auf der Farm grasen sollen – gesehen hatte ich sie noch nicht, dafür war es gestern Abend zu dunkel gewesen.

Ich lasse den Tag langsam angehen, begebe mich für ein spätes Frühstück in die Treetoplounge oder wie die heisst und frage nach einem Spaziergangvorschlag. Ich gerate an einen äusserst gebildeten Mann in meinem Alter und er beginnt zu erzählen.
Auch wenn ich nicht ganz alles verstand, waren seine Gedanken und Erlebnisse sehr eindrücklich.

Geboren wohl 1974 ging er als Kleinkind durch die Gräuel der Roten Khmer. Es ist wohl eher überraschend, dass er diese Zeit überhaupt überlebt hat. Er glaubt sich noch an diese Zeit zu erinnern, doch auch nach dem Ende der Roten Khmer 1979 ist der Hunger nicht vorbei und werden die Bauern gezwungen eine gewisse Menge Reis abzugeben – auch wenn sie dann nicht mehr genug für sich selbst haben. Er erinnert sich auch an die vielen Leichen, die vor allem auf dem Land herumlagen und nicht begraben wurden, da dazu Zeit, Kraft und Wille fehlte. Es ging ums nackte Überleben.

Der Hungertod kommt meist schleichend. Die Menschen sind erschöpft, das Immunsystem funktioniert nicht mehr richtig, man wird anfälliger für Krankheiten und so kann der Tod unmittelbar eintreten, auch wenn man unterwegs ist. Von dieser Zeit berichtet er allerdings nicht allzu viel und die Erinnerung scheint auch zu schmerzen. Lieber erzählt er von seiner Zeit in der Armee um das Jahr 1990 herum, wo er an der Front war und aus unglaublich verschmutzten Tümpeln Wasser trinken musste, weil der Nachschub nicht funktionierte. In der Regenzeit gab es dieses Problem nicht mehr – dafür bauten sie eine Art Schützengräben, abgedeckt mit Baumstämmen, wenn ich ihn richtig verstanden habe.

Beim Konflikt ging es dabei – seit 1979 – weiter um den Kampf der Regierungstruppen gegen eine Guerilla der Roten Khmer, die nicht aufgeben wollte und angeblich im ganzen Land Angriffe starten konnte. Der Mann erzählt dann auch wie er den Kriegsdienst verweigert hat und dafür ins Gefängnis kam – angeblich zweimal – und wie er im Gefängnis mit metallenen Fussfesseln angekettet war und manchmal direkt in die Sonne gesetzt wurde wohl als eine Art Folter.

Seine Lebensgeschichte ist faszinierend und bedrückend zugleich, spannend finde ich aber auch seine Ansichten, über die er lieber als über sein Leben referiert. Oft spricht er vom Zweiten Weltkrieg, von Israel, vom Hass, der Menschen eingepflanzt wird, von den Bürokraten, die einen Angriff in ihren Büros feiern, ohne zu wissen was das in Realität bedeutet. Er versucht zu erklären, wie Hass entsteht, dass jeder Mensch zwei Knöpfe hätte, einen grünen und einen roten und wenn der rote gedrückt würde, dann sei er zu allem fähig.

Er allerdings würde sich nicht mehr missbrauchen lassen – er seit jetzt über 40 und würde entweder den Befehl verweigern oder sich selbst töten. Eine solche Schuld könne er nicht mehr auf sich nehmen.

Spannend sind auch seine.politischen und religiösen Ansichten. Er bezeichnet sich als religionslos und widerspricht vehement, wenn ich buddhistische Züge in ihm wahrzunehmen glaube, er spricht eher weniger schmeichelhaft über den Islam, findet aber auch da dann wieder positive Worte.

Am Erstaunlichsten – oder gerade am wenigsten erstaunlich sind aber seine Ansichten zur Nation. Die Vietnamesen hätten den Khmer (den Kambodschanern) Land geklaut (was wohl nicht ganz falsch ist – die Ressentiments gegen Vietnamesen haben in Phnom Penh aber auch schon zu Pogromen geführt) und Thailand habe es vor 700 Jahren noch gar nicht gegeben, das sei alles kambodschanisch gewesen. Nationalist allerdings sei er nicht. Und Rassismus eh etwas vom Problematischsten überhaupt.

Politisch äussert er dann noch einen spannenden Gedanken. Er wähle immer die Opposition – und vermittle das auch seinen Kindern. Dieser Gedanke erscheint mir einmal mehr sehr reflektiert – in Europa ist das nämlich etwas ganz Normales. Wir haben mal 4 oder 8 Jahre eine Mitte-Links Regierung, dann eine Mitte-Rechts – der Wandel gehört zum System. Kamboscha hingegen hat seit 1979 denselben Regierungschef und das hat natürlich nicht nur Vorteile.

Nach diesem unglaublich interessanten und bewegenden Gespräch mache ich mich auf zu einem kleinen Spaziergang auf dem ich überall mit „hello“ begrüsst werde, vor allem von den Kindern. Jenen auf dem Motorrad begegne ich am Abend wieder – das Wiedersehen dauert zwar wieder nur wenige Sekundenbruchteile, aber die Freude in ihrem Gesicht läasst mich die Vergangenheit vergessen und bringt mich zurück an diesen Ort, der ansonsten einfach paradiesisch ist.

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