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In der Tube

Engländer sind gemeiniglich eher zurückhaltende Menschen. Schon ein einfacher Händedruck kann beinahe als sexueller Übergriff gewertet werden. In der Tube verlieren die Engländer aber offensichtlich jede Zurückhaltung. Da kommt es zu engstem Körperkontakt wie er ansonsten höchstens im Ehebett vorkommt – wobei, aber lassen wir das. Denn in die Ehebetten der Briten hatte ich bisher beim besten Willen keinen Einblick. Dafür aber in die Zustände in der Tube, also der Ubahn.

In St Peters stauten sich heute Abend die Menschen derart, dass der Zug nicht mehr weiterfahren konnte. Die Situation hatte etwas Absurdes. Menschen stapelten sich schon beinahe, versuchten jeden verfügbaren Millimeter, excuse me, jedes verfügbare Inch auszunutzen. Fast schon schlimmer als im ehemals britischen Indien, wo bisweilen heute noch Menschen auf dem Zugdach mitfahren. Kein Wunder konnte der Zug unter diesen Umständen nicht weiterfahren. Aber anstatt, dass einige Leute wieder ausstiegen, blieben sie stoisch stehen, allenfalls drängten sich noch weitere Leute in die völlig überfüllte Tube. Ich staunte nur noch, denn offensichtlich liessen sich die Türen nicht mehr schliessen – und mit offenen Türen würde die Ubahn definitiv nicht durch den Londoner Untergrund fahren.

Fasziniert betrachtete ich das Spektakel und wartete darauf, dass etwas geschah. Und in der Tat nach einigen Minuten kam eine Durchsage, dass der Zug nun Station für Station weiterzufahren versuche, man aber besser auf eine nahe gelegene Ubahn-Station ausweiche, da sich die Weiterfahrt weiter verzögern würde. Einige Leute verliessen darauf den Zug, doch die nachrückenden Menschen füllten jede sich ergebende Lücke innert Sekundenbruchteilen. Damit war jedes weitere Fortkommen vollkommen ausgeschlossen.

Doch dann kam die Durchsage, dass die Bahn nun losfahren würde. Ob nun aufgeatmet wurde, konnte ich nicht erkennen, da in der Ubahn längst keine Luft mehr vorhanden zu sein schien. Jedenfalls schlossen sich nun wider jede Vorstellungskraft die Türen innerhalb von Millisekunden und voller Erstaunen stellte ich fest, dass ausser einem Ohr und zwei Fingern tatsächlich alle Menschen in der Tube Platz gefunden hatten. Wunder geschehen.

Ich wich dann auf einen Bus aus, da mir Körperkontakt mit lieben Menschen doch lieber ist. Dies führte allerdings dazu, dass ich nun verstehe, warum die Londoner sich lieber in die Tube zwängen: der Bus war wohl nicht ohne Grund beinahe leer, denn die Hitze war kaum auszuhalten und wenn ich nicht nach wenigen Stationen ausgestiegen und zu Fuss weitergegangen wäre, würde ich wohl jetzt noch im Bus schwitzen. Denn obwohl die private Autofahrt wegen der „congestion charge“ für die meisten Autofahrer unerschwinglich geworden ist, erinnert das Fahrtempo der berühmten Londoner Doppeldecker unweigerlich an jenes eines Kantonsschülers in der Mittagspause.

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